Darmstädter Tage der Fotografie 2009Merck-Preis für Nils Klinger / 60 Fotografen zeigen ihre Visionen
„Vision - Aussicht aufs Leben" lautete das Motto der fünften Darmstädter Tage der Fotografie 2009 mit fotografischen Werken von 60 Künstlern.
Treffen - reden - sehen. Mit dieser Absicht kommen einmal jährlich an einem Wochenende deutsche und zunehmend ausländische Fotografen, vor allem auch fotointeressierte Menschen in gut einem Dutzend Gebäuden rund um die Darmstädter Mathildenhöhe und im Stadtgebiet zusammen. Einzelausstellungen und eine Gruppenausstellung mit Werken von 60 Fotografen fand 2009 unter anderem im Design-Haus statt. Merck-Preis für beste PräsentationOrganisationen wie das Polen-Institut, das Museum Künstlerkolonie, die Kunsthalle Darmstadt oder die Fachhochschule für Gestaltung nutzen die Möglichkeit, ihre Häuser für ein breites Publikum zu öffnen, indem sie Fotoexponate zeigen. Bei schönem Wetter lockt die Veranstaltung deshalb zahlreiche kunstsinnige Wochenend-Spaziergänger ein. Die Fachleute wiederum debattieren und bilden sich in den Vorträgen eines Symposions weiter. Das Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck beteiligt sich seit dem Jahr 2008 mit der Stiftung eines Preises für einen der Aussteller, und zwar wird dieser „für die am besten präsentierte und dicht am jeweiligen Jahres-Thema orientierte Arbeit“ vergeben. Zufällig fand diese Verleihung zeitgleich mit der Verleihung des Europäischen Architekturfotografiepreises im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt statt. Visualisierung von Fluchtversuchen aus der DDRDer mit 5.000 € dotierte Merck-Preis wurde 2009 an den Fotografen Nils Klinger vergeben, der sich mit Aufnahmen zum Thema „Demarkation“ beworben hatte. Seine Arbeit befasst sich mit Fluchtversuchen entlang der ehemaligen innerdeutschen und der Berliner Grenze in den Jahren 1949 bis 1989. Dazu studierte Klinger Protokolle der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) und Interviews von Zeitzeugen. Ihn interessierten die individuellen menschlichen Schicksale der teils geglückten, teil tragisch gescheiterten Fluchtversuche. In seinem Begleittext zieht Klinger eine Linie von der Vergangenheit in die Gegenwart: „Fast täglich landen afrikanische und asiatische Flüchtlinge an der spanischen und italienischen Küste, versuchen Mexikaner über die US-amerikanische Grenze zu gelangen und sterben Nordkoreaner bei der versuchten Flucht nach Südkorea.“ 1949 erschoss Grenzpolizei 12jährige in KornfeldDie in Darmstadt ausgestellten und in den Katalog aufgenommenen Fotografien von Nils Klinger spüren zwei Fluchtversuchen nach, die am 26. Juli 1949 und am 10. März 1970 stattfanden. Sie zeigen ein Kornfeld und einen Flugzeug-Sitz neben einem von Vorhängen flankierten Bullauge. Im Sommer 1949 war das 12jährige Mädchen Brigitte Frauendorf in einem Kornfeld von Grenzpolizisten tödlich angeschossen worden. Flugzeugentführung nach Hannover 1970 gescheitertIm Vorfrühling 1970 hatte das Ehepaar Eckhardt und Christel Wehage mit Makarow-Pistolen versucht, die Besatzung einer Interflug-Maschine zu einer Kursänderung nach Hannover zu zwingen. Auch dieses Versuch misslang, die Entführer begingen noch im Flugzeug Selbstmord. Menschen riskierten ihr Leben für die FreiheitDie Jury des Merck-Preises begründete ihre Entscheidung mit folgenden Worten: „Überzeugt hat die grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Thema Flucht, welches auch heute noch weltweit ein aktuelles und wichtiges Thema ist. Menschen riskieren für Ihre Vision von Freiheit ihr Leben. Die fotografische Inszenierung ist eindringlich und das Bild-Text-Konzept macht die Situationen erlebbar. Die Präsentation im Museum Künstlerkolonie unterstützt die Individualität der Fälle, die immer Einzelschicksale bleiben.“ Titelbild von Ruud van EmpelFür das Titelplakat verwendeten die Veranstalter und Initiatoren der Fotografie-Tage Alexandra Lechner, Albrecht Haag, Gregor Schuster und Rüdiger Dunker sowie die Kuratoren Ute Noll und Professor Dr. Kris Scholz eine der atmosphärisch beängstigenden Mädchen-Fotografien des Niederländers Ruud van Empel. Die Bewerbungsrunde für die Darmstädter Tage der Fotografie 2010 beginnt im Herbst 2009. Das Anmeldeformular steht laut Veranstalter etwa ab September auf der Website bereit. Über diese Seite sind auch der Katalog 2009 (18 €) sowie Dokumentationen und Kataloge früherer Fotografie-Tage bestellbar.
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